or sechs Jahren, genau am 13.08.2012, als ich gerade mit unseren Kindern gespielt habe, bekam ich einen Anruf. „Hallo?! Spreche ich mit Frau K.? Ihr Mann hatte gerade einen Unfall!“
Mein Mann hat klug reagiert und mich vom Unfallort aus, sofort benachrichtigen lassen. Er hat sogar mit mir gesprochen. „Schatz, alles gut. Bring du die Kinder ins Bett. Ich muss auflegen, werde jetzt in die Klinik gefahren, der Krankenwagen ist da…“
What?!?!? Natürlich habe ich die Kids nicht ins Bett, sondern zu meinen Eltern gebracht. Danach bin ich direkt zu meinem Mann in die Klinik gefahren. Unterwegs stand ich im Stau, ich habe ewig gebraucht. Mein hat Handy geklingelt. Ein extrem gut gelaunter Arzt, wollte mich über den Zustand meines Mannes aufklären. Wieso zum Teufel hat der so gute Laune dachte ich mir!? Halloooo?!?!?! „Na, damit sie sich keine Sorgen machen“, meinte er. „Allerdings müssen wir ihn operieren. Sein Bein wurde sehr in Mitleidenschaft gezogen.“ Meine Bitte zu warten, bis ich da bin hat er abgeschmettert. Sie können ihn nicht warten lassen hat er gesagt, allerdings müssten sie zuvor noch einige Untersuchungen machen.
Ich kam in der Klinik an, bevor sie mit ihren Voruntersuchungen fertig waren. Auf dem Weg zu ihm saßen da so viele Männer im Rollstuhl, alle mit einem amputierten Bein. Panik stieg in mir auf! Wieso saßen hier überall Menschen mit amputierten Beinen, bitteschön!? Würde das meinem Mann auch blühen?
Endlich durfte ich zu ihm, seine Beine war dran, sein Knie verbunden. Aber er hatte eine Halskrause um und lag da. Einige Ärzte standen am PC und schauten sich die Ergebnisse vom CT, oder war es MRT, an.
„Lässt du dich lieber von einem Lkw anfahren, als zu uns nach Hause zu kommen? So schlimm sind wir doch nicht, oder?“, fragte ich ihn. Er lachte bitter auf!
Ich war so erleichtert, ihn zu sehen bevor er in den OP geschoben wurde!
Nachdem ich mich bei den Ärzten über seinen Zustand informiert hatte, ging es für ihn los. Etwa zwei Stunden sollte die OP dauern, dann waren es doch vier. Ich saß vor der Klinik und versuchte so positiv wie möglich zu sein. Trotzdem stieg nach drei Stunden stetig die Panik in mir hoch! Seine Eltern wollte ich erst anrufen wenn ich wusste, dass er gesund aus dem OP raus ist, seine Schwester ebenso. Ein langjähriger Freund wohnte auch in der Nähe, allerdings kannte ich seine neue Partnerin nicht. Heute weiß ich, dass ich ohne weiteres hätte anrufen können. Damals habe ich es nicht gemacht. So saß ich da, mit mir und meinen Gedanken beschäftigt. Irgendwann bekam ich Bescheid, dass er aus dem OP raus sei. Er würde auf die Station gefahren werden. Dort solle ich warten. Gut, dachte ich, wenn ich nicht in den Aufwachraum darf gehe ich eben auf die Station und warte dort. Da saß ich nun.
Eine Ewigkeit später kam sein Chirurg, um mich über den Verlauf der OP und seinen Zustand aufzuklären. Ich bin diesem Menschen bis heute so Dankbar!
„Frau Kuderer, die OP lief gut. Allerdings war seine Kniescheibe in zwei etwas größere und viele kleine Teile gesplittert. Ich habe mein Bestes gegeben. Wie haben alle Teile die wir gefunden haben zusammengefügt, so gut es eben ging. Was macht ihr Mann beruflich?“ – „Industriemechaniker“ „… Aha! Nun stellen Sie sich darauf ein, dass er in seinem Beruf nicht mehr arbeiten kann. Es hängt zwar alles von der Wundheilung uns seiner Konstitution ab, aber sein Knie wurde sehr in Mitleidenschaft gezogen!“
Ich bin dem Arzt um den Hals gefallen. Hab mich bedankt! Für mich hat in dem Moment nur gezählt, dass er die OP geschafft hat. Die Tatsache, dass er eventuell seinen Job nicht mehr ausüben kann, was dies für uns, unsere Zukunft, unser Leben bedeuten sollte, das sickerte erst viel, viel später in mein Bewusstsein.
Und wenn ich ehrlich bin, nimmt das ganze Drama noch immer Ausmaße an die ich nicht überschauen kann!
Um halb eins in der Nacht, wurde mein Mann endlich auf die Station geschoben. Sie ließen ihn auf dem Flur stehen, damit wir uns unterhalten konnten.
Überall in seinem Gesicht, waren Erde- und Grasspuren. An seinem Schlüsselbein nahm ich ein Hämatom wahr, vom Sicherheitsgurt. Vorsichtig strich ich darüber. Wir unterhielten uns kurz.
Ich war so müde, inzwischen war ich etwa 20 Stunden wach. Unsere Kinder waren zu dem Zeitpunkt 5 Jahre bzw. 17 Monate alt. Wenige Nächte zuvor hatte ich unsere Tochter noch gestillt. Sie schlief nicht durch, unser Sohn allerdings auch nicht. Voller Erschöpfung habe ich die Krankenschwestern gefragt ob es möglich wäre meinem Mann den Schmutz abzuwaschen. Sie waren zwar überrascht, nickten jedoch. Also verließ ich das Krankenhaus. Inzwischen war alles ganz dunkel, die kühle Sommerluft klärte meine Gedanken. Immer wieder habe ich mir gesagt, dass alles gut wird! Die Autobahn war frei, ich fuhr so schnell es ging nach Hause. Die Kinder waren ja bei meinen Eltern. Zuhause angekommen lief ich direkt ins Schlafzimmer, zog mich vor dem Bett aus und legte mich hinein. Ohne Zähne putzen, ohne Abschminken, ohne auch nur einen weiteren Gedanken zu denken! Ich schlief auch augenblicklich ein!

